Schwindende Agrobiodiversität gefährdet sichere Ernährung

Die Agrobiodiversität ging in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zurück. Als Pfeiler der Ernährungssicherheit muss die Agrobiodiversität deshalb dringend wiederhergestellt werden. Ein neues Faktenblatt der Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT), gemeinsam erstellt mit Forscherinnen und Forschern des Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern, fasst den Rückgang und seine Folgen zusammen und zeigt mögliche Massnahmen in Politik und Wissenschaft auf.

Erntedanksagungsritual für Pachamama/Mutter Erde in der Colcha «K» -Gemeinschaft, Nord-Lipez, Bolivien
Bild: Sabin Bieri (CDE)

Die Globalisierung der industriellen Landwirtschaft, die Uniformität und Normierung von Lebensmitteln haben die Agrobiodiversität massiv reduziert. Nur drei Pflanzensorten, Reis, Mais und Weizen, liefern die Hälfte der pflanzlichen Kalorien und 93 Prozent des Fleisches stammt von Schwein, Geflügel, Rind und Büffel. Die Schätzungen nach Ländern zeigen den Rückgang auf: In China wurden bis 1970 rund 90 Prozent der im Jahre 1940 angebauten 10’000 Weizensorten aufgegeben. Die Vielfalt an Apfel-, Kohl-, Feldmais-, Erbsen- und Tomatensorten schrumpfte in den USA zwischen 1904 und 2000 um 80–95 Prozent. Ähnliche Verluste gibt es in der Tiervielfalt. In Europa und Nordamerika zum Beispiel machen Holstein-Rinder 60–90 Prozent aller Milchkühe aus.

Schutz vor Klimaextremen, Schädlingsbefall und Krankheiten

Die Agrobiodiversität ist das Fundament der Ernährungssicherheit. Der Anbau und die Zucht von diversen Arten, Sorten und Rassen von Tieren und Pflanzen mindert die Risiken durch Klimaextreme, Schädlingsbefall und Krankheiten.

Der Anbau und Konsum einer breiten Palette lokaler Nutzpflanzen, ergänzt durch wild geerntete Arten, sorgen für eine gesunde Ernährung. In der Medizin stammen Dutzende von Wirkstoffen wie Aspirin oder neue Krebsmedikamente komplett oder teilweise von Wild- oder Kulturpflanzen.

Die Zonen mit hoher Agrobiodiversität regulieren den Wasserkreislauf mit, sind Lebensräume für Bestäuber wie Bienen oder Schmetterlinge und für andere Tiere, die wichtige Funktionen erfüllen, etwa im Kampf gegen Schädlinge.

Kleine und mittlere Betriebe als Hüter der Agrobiodiversität

Kleine Bauernbetriebe, oft eingepfercht zwischen Monokulturen, produzieren auf nur 24-28 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche die Hälfte der Nahrungskalorien. Sie sind deshalb eher Wegbereiter von nachhaltigeren Ernährungssystemen als Anwender veralteter Bewirtschaftungssysteme.

Eine Politik der Vielfalt statt Gleichförmigkeit

Das Schicksal der kleinen und mittleren Betriebe ist eng mit der weltweiten Agrobiodiversität verknüpft. Das Faktenblatt empfiehlt der Politik deshalb, die Lebensmittelproduktion so zu unterstützen, dass die Agrobiodiversität und jene Betriebe, welche sie fördern, sich entwickeln können. Dabei gilt es, das im 20. Jahrhundert vorherrschende Paradigma der Gleichförmigkeit durch ein Paradigma der Vielfalt für das 21. Jahrhundert zu ersetzen, etwa durch den Aufbau eines globalen Saatgutsystems, das auf freier Nutzung und Austausch beruht.

Der Schweiz kommt eine besondere Verantwortung zu, da grosse Unternehmen in den Bereichen Nahrung, landwirtschaftlichem Handel, Agrochemikalien und Saatgut ihren Sitz in der Schweiz haben. Die wachsende Macht dieser Agrarunternehmen ist entscheidend: Ihr Geschäftsmodell hängt vom kontinuierlichen Ausbau eines auf Monokulturen basierenden Nahrungssystems ab, das eine direkte Bedrohung für die Agrobiodiversität darstellt.

In diesem Faktenblatt liegt der Fokus auf Nutztieren und Kulturpflanzen, ihren wilden Verwandten sowie den Ökosystemleistungen, die der landwirtschaftlichen Produktion und der Ernährung dienen. Die Definition der Agrobiodiversität ist umfassender: Agrobiodiversität umfasst alle Komponenten, die für Ernährung und Landwirtschaft relevant sind, sowie alle Komponenten der biologischen Vielfalt, welche die landwirtschaftlichen Ökosysteme, auch Agro-Ökosysteme genannt, ausmachen: Die Vielfalt und Variabilität von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen auf genetischer, Arten- und Ökosystemebene, die notwendig sind, um Schlüsselfunktionen des Agro-Ökosystems, seiner Struktur und seiner Prozesse aufrechtzuerhalten. (COP, CBD 2013).

Das Faktenblatt wurde von der Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE) und dem Forum Biodiversität Schweiz der SCNAT in enger Zusammenarbeit mit einem Team von Forschenden des Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern unter der Leitung von Prof. Dr. Stephan Rist erarbeitet. Internationale Expertinnen und Experten von NGOs und europäischen Universitäten sowie die DEZA wirkten ebenfalls mit.

  • Globale räumliche Verteilung der Artenvielfalt von Nutzpflanzen und Nutztieren, gemessen am Shannon-Index. Höhere Indexwerte entsprechen einem höheren Grad an Agrobiodiversität. (Daten aus dem Jahr 2005, Karte aus Herrero et al. 2017)
  • Globale räumliche Verteilung der vorherrschenden landwirtschaftlichen Betriebsfläche. (Daten aus dem Jahr 2011, Karte aus Lesiv et al. 2018)
  • Globale räumliche Verteilung der Artenvielfalt von Nutzpflanzen und Nutztieren, gemessen am Shannon-Index. Höhere Indexwerte entsprechen einem höheren Grad an Agrobiodiversität. (Daten aus dem Jahr 2005, Karte aus Herrero et al. 2017)Bild: KFPE1/2
  • Globale räumliche Verteilung der vorherrschenden landwirtschaftlichen Betriebsfläche. (Daten aus dem Jahr 2011, Karte aus Lesiv et al. 2018)Bild: KFPE2/2

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Prof. Dr. Stephan Rist
Universität Bern
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