«Es braucht weniger Aktivismus im Wald, dafür mehr Naturprozesse und Gelassenheit»

Ein Gespräch mit Steffi Burger, Leiterin der Arbeitsgruppe Waldbiodiversität des Schweizerischen Forstvereins, über den naturnahen Wald, den Wald im Klimawandel und die Bedeutung ökosystembasierter Prozesse für die Waldgesundheit, die Waldwirtschaft, die Gesellschaft und die Biodiversität.
INTERVIEW: GREGOR KLAUS
HOTSPOT: In der Schweiz geht man davon aus, dass die flächendeckend praktizierte naturnahe Waldbewirtschaftung einen bedeutenden Beitrag zur Biodiversitätsförderung leistet. Was versteht die Waldwirtschaft unter diesem Begriff?
Steffi Burger: Die Definition von naturnaher Waldbewirtschaftung ist rein qualitativ. Sie besagt, dass sich die Waldwirtschaft an natürlichen Waldökosystemen orientiert und dabei standortgerechte, strukturreiche und artenreiche Wälder fördert, auf Kahlschläge, Pestizide und Dünger verzichtet und auf natürliche Verjüngung setzt.
Das hört sich doch grossartig an.
Ist es auch. Ich komme aus dem Bereich Waldbiodiversität, nicht aus der Produktion, und ich kann sagen: Es ist kein Greenwashing. Mit den natürlichen Prozessen zusammenzuarbeiten ist die Grundlage der heutigen Schweizer Waldwirtschaft. Auch in den Wirtschaftswäldern des Mittellands hat es ein grosses Set an Tieren, Pflanzen und Pilzen. Ohne konkrete, gesetzlich festgelegte Richtwerte können wir aber nicht sagen, wie nah wir wirklich an den natürlichen Prozessen sind. Es gibt keine abschliessende Bewertung, und wie der Wirtschaftswald schlussendlich aussieht ist eine Frage der Haltung und der Einstellung der einzelnen Forstleute.
Alle verstehen also etwas anderes unter dem Begriff?
Das ist im Endeffekt tatsächlich so. Fakt ist aber, dass der Schweizer Waldbau im europäischen oder sogar globalen Vergleich insgesamt sehr naturnah ist. Fest verankert ist die Naturverjüngung und das Zulassen von Konkurrenz zwischen den Bäumen. Auch das Zulassen von Alt- und Totholz ist vielerorts auf gutem Weg, der Anteil standortfremder Nadelhölzer im Laubwald sinkt.
Gilt das auch fürs Mitteland?
Zunehmend, auch wenn dort die Produktion im Vordergrund steht und es nach wie vor naturferne Bestände gibt. Im Grundsatz sind wir gut unterwegs. Es ist aber nicht möglich zu sagen, wo genau wir uns auf einer Skala von «naturfern» bis «natürlich» befinden.
Alles im grünen Bereich also?
Ich sage nicht, dass es nichts zu verbessern gibt! Die Waldwirtschaft könnte und sollte die natürlichen Prozesse gerade in Zeiten des Klimawandels noch viel stärker in ihre tägliche Arbeit einbeziehen. Das ist keine ideologisch oder romantisch geprägte Forderung, sondern wissenschaftlich breit abgestützt. Mit der starken Nutzung von ökosystembasierten Prozessen kann beispielsweise die Anpassungsfähigkeit der Waldökosysteme kostengünstig und effizient gefördert werden. Es war noch nie so wichtig wie heute, unsere Wälder multifunktional, reaktions- und widerstandsfähiger zu machen! Natürliche Prozesse sorgen dafür, dass sich Lebensräume kontinuierlich anpassen und weiterentwickeln.
Welche natürlichen Prozesse sind denn entscheidend für einen gesunden Wald?
Die Arbeitsgruppe Waldbiodiversität des Schweizerischen Forstvereins hat dazu ein Argumentarium erarbeitet, das auf wissenschaftlichen Studien basiert. Tot- und Altholz spielen beispielsweise eine zentrale Rolle im Nährstoffkreislauf, bei der Wasserspeicherung, beim Humusaufbau und bei der Naturverjüngung. Oder: Ungleichaltrige und komplexe Wälder haben ein deutlich kleineres Störungsrisiko als gleichaltrige, strukturarme Wälder. Ganz wichtig sind auch Naturwaldflächen, in denen sich jene Prozesse beobachten lassen, die ohne menschliches Zutun ablaufen würden.
Das ist jetzt aber ein segregativer Ansatz!
Idealerweise werden die natürlichen Prozesse in vom Menschen beeinflusste Systeme integriert und genutzt, weil sie für die Gesundheit und Resilienz unserer Ökosysteme mit all ihren Funktionen und Leistungen unerlässlich sind. Gleichzeitig brauchen wir aber auch Naturwälder mit ihren Alterungs- und Zerfallsphasen. Nur so können wir die gesamte Biodiversität erhalten und Biodiversitätsziele für den Wirtschaftswald herleiten. Naturwälder sind unsere Referenz, sowohl bei der Biodiversität als auch im Klimawandel. Haben wir nicht genug Naturwälder als Beobachtungsflächen, sind wir im Blindflug unterwegs, was sehr gefährlich sein kann.

Es braucht im Klimawandel also nicht mehr, sondern weniger menschliche Eingriffe?
Der Klimawandel ist eine riesige Herausforderung für die Waldwirtschaft. Besonders bei einem so langlebigen System wie dem Wald ist es entscheidend, besonnene Entscheidungen zu treffen und nicht übereilt zu handeln. Massnahmen, die zunächst vielversprechend erscheinen, können sich schnell als problematisch erweisen – vor allem, wenn sie mit hohen Kosten verbunden sind. Zudem basieren die Zukunftsszenarien auf Modellen, die uns zwar helfen, uns mögliche Auswirkungen vorzustellen. Ob wir aber das äusserst komplexe Zusammenspiel aller Faktoren richtig einberechnet haben, wissen wir schlussendlich nicht.
Braucht es eine Steigerungsform des Begriffs «naturnaher Waldbau»?
Wie wäre es zum Beispiel mit «Naturnaher Waldbau PLUS»? Es gibt dabei aber grundsätzliche Probleme: Um ein PLUS zu definieren, brauchen wir eine Definition des naturnahen Waldbaus mit quantitativen Richtwerten. Nur so können Leistungen entschädigt werden und die Förster sich etwas darunter vorstellen. Ein PLUS wäre eine deutlich verstärkte Förderung von Tot- und Altholz, eine festgelegte Anzahl an Habitatbäumen, eine kleinflächige, naturnahe Verjüngung und – wenn überhaupt notwendig – die ausschliessliche Pflanzung einheimischer Baumarten.
Ist das realistisch?
Man müsste ganz klar kommunizieren, dass hier kein neuer Standard durch die Hintertür eingeführt wird, sondern dass es sich um ein zusätzliches Angebot handelt. Betriebe, die mitmachen, bräuchten die Bereitschaft, gewohnte Praktiken und Ziele auf den Prüfstand zu stellen.
Wer soll das bezahlen?
Nach wie vor werden die Leistungen der Waldwirtschaft nicht fair von der Gesellschaft abgedeckt, dies ganz im Gegensatz zur Landwirtschaft. Gerade im dicht besiedelten Mittelland müsste nicht nur die Holzproduktion im Mittelpunkt stehen, sondern auch die Erholungsfunktion. Die Bevölkerung ist sich leider noch immer nicht voll darüber im Klaren, was der Wald und die Waldwirtschaft wirklich zur Wohlfahrt der Schweiz beitragen. Wir müssen hier lauter und selbstbewusster auftreten.
Inwiefern würde die Bevölkerung von einem PLUS und mehr Naturwäldern profitieren?
Die Bevölkerung würde einen noch vielfältigeren Naturraum vorfinden – als Aufenthaltsort, wo man verweilen, geniessen und beobachten kann. Gleichzeitig wird durch die Berücksichtigung natürlicher Prozesse die Widerstandfähigkeit des Waldes verbessert.
Wie entwickelt sich die naturnahe Waldbewirtschaftung? Welche Trends sehen Sie?
Die naturnahe Waldbewirtschaftung hat in den letzten 100 Jahren laufend zugenommen. Sorge bereitet mir die gesteigerte Verwendung von Holz als Energiequelle anstatt Bauholz. Bei Holzschlägen wird immer häufiger das ganze Abholz entnommen, um Energieholzkontingente zu erfüllen, anstatt es liegen zu lassen. Auch werden die Umtriebszeiten immer kürzer. Das kann die natürlichen Prozesse und Kreisläufe und damit die Waldgesundheit stören. Eine lokale natürliche Ressource zu nutzen, statt Öl zu verbrennen, ist grundsätzlich eine gute Sache. Aber es braucht hier eine Balance.

Wie könnte die vermehrte Nutzung der natürlichen Prozesse gelingen, wenn das PLUS mittelfristig keine Option ist?
Generell könnte das bestehende Beitragssystem noch optimiert werden, zum Beispiel durch eine Koppelung der Jungwaldpflege mit einer bestimmten Anzahl Habitatbäumen. Wenn ich einen Betrieb führen müsste, würde ich mir überlegen: Was will ich genau erreichen? Kann ich auch abwarten und die natürlichen Prozesse wirken lassen? Wenn ich jetzt nicht in zusätzliche Waldbaumassnahmen oder neue Maschinen investiere: Komme ich dennoch ans Ziel? Oder erreiche ich das Ziel sogar schneller und kostengünstiger, wenn ich nur minimal oder gar nicht eingreife? Ich würde alternative Standbeine aufbauen. Neben der Holzproduktion könnten dies weitere Naturschutzarbeiten oder Arbeiten in der Gemeinde sein. Ich denke da an Gartenpflege und den Unterhalt von Wegen. Die dazu benötigten Maschinen sind ja da. Auch im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Weiterbildung von Schulkindern würde ich mich engagieren. Generell könnten die Betriebe innovativer denken. Es wird zudem zu viel Holz ins Ausland verkauft, statt inländische Wertschöpfungsketten zu stärken.
Ist die Waldwirtschaft bereit für mehr Ökologie?
Ökologie ist in der Waldwirtschaft bereits heute ein wichtiges Standbein – Tendenz steigend. Es gibt viele Reviere, bei denen mehrere 100 Stellenprozente nur Naturschutzarbeit verrichten. Dabei geht es allerdings meist um die Förderung lichter Wälder und Waldränder. Nach wie vor ist Naturschutz vor allem dann beliebt, wenn er zu Aktivismus führt. Mühe hat die Waldwirtschaft mit der Zerfallsphase im Wald. Gerade bei jungen Förstern beobachte ich den Drang nach mehr Produktion. Ältere Förster haben deutlich weniger Probleme, was doch sehr interessant ist. Im Alter sieht man das ganz grosse Waldbild offenbar besser, in dem auch Naturwälder und Totholzinseln ihren Platz haben.
Sie schwanken zwischen Optimismus und Pessimismus.
Die Thematik des Prozessschutzes hat in vielen Kantonen noch nicht Fahrt aufgenommen, was schade ist. Naturschutz spielt sich nicht nur in Reservaten ab. Es braucht gerade in Zeiten des Klimawandels weniger Aktivismus im Wald, dafür mehr Naturprozesse und Gelassenheit. Wir dürfen den Naturschutz aber auch nicht als das einzig Heilbringende darstellen und die Produktion verteufeln. Das hilft weder der Sache, noch ist es aus meiner Sicht der richtige Ansatz. Es gibt sehr viele Aspekte rund um den Wald – soziale, ökonomische und ökologische. Es ist immer eine Frage des Masses.
Steffi Burger ist Biologin und Leiterin der Arbeitsgruppe Waldbiodiversität des Schweizerischen Forstvereins. Im Kanton Aargau betreut sie in der Abteilung Wald den Naturschutz in den nördlichen Forstrevieren.
Kontakt:
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Biodiversität mitdenken ist schlau
- Henniez: Biodiversität als Trumpf für das Geschäft
- «Für viele ist der Garten zu einem sozialen Fixpunkt geworden»
- Weitblick für eine sichere und lebendige Emme
- Gemeinsam aktiv: Firmeneinsätze in Schweizer Pärken
- Natürlich gesund
- Die naturnahe Bank - ein Leuchtturmprojekt für Biodiversität im Siedlungsraum
- «Zufriedene Mitarbeitende sind für Unternehmen wertvoll»
- Städtische Teiche für Menschen und Natur
- Die Grafik zur Biodiversität

