«Für viele ist der Garten zu einem sozialen Fixpunkt geworden»
Eine Kulturinstitution, welche noch vor wenigen Jahren von der Quartierbevölkerung als elitär wahrgenommen wurde, ist auch dank ihres Gemeinschaftsgartens zu einem verbindenden und generationenübergreifenden Element im Osten der Stadt Bern geworden. Und auch die Biodiversität freut sich. Eine Erfolgsgeschichte über klug genutzte Synergien.
VON URSULA SCHÖNI
Das Zentrum Paul Klee (ZPK) hatte 2019 zwar eine internationale Ausstrahlung, war lokal allerdings nicht stark verankert. Das sollte sich nach einer Ideenwerkstatt, an welcher über 80 Menschen aus dem Quartier teilgenommen hatten, ändern. Schnell war klar: Ein Gemeinschaftsgarten auf dem Areal des Zentrums wäre etwas Tolles. Dies vor dem Hintergrund, dass Familiengärten zunehmend überbaut werden und das ZPK über 2,5 ha Land verfügt. Auch die Verantwortlichen des Hauses waren überzeugt: «Wir hatten nichts zu verlieren. Im schlimmsten Fall hätte der Pächter alles wieder zu Acker gefahren», sagt Eva Grädel. Sie war bis Ende Januar dieses Jahres Leiterin Partizipation und kulturelle Teilhabe des ZPK und Projektleiterin des Gemeinschaftsgartens paul&ich.
Laut Grädel war es dem ZPK als öffentlicher Institution wichtig, dass möglichst viele Menschen am Garten teilhaben. Im Rahmen eines partizipativen Prozesses handelte eine Initiativgruppe aus, welche Fläche sich am besten eignet. Engagierte Frauen aus der Bevölkerung machten in den Quartiervereinen auf das Gartenprojekt aufmerksam, die Gartengemeinschaft wuchs schnell. Heute gärtnern rund 30 Menschen gemeinsam, generationenübergreifend und selbstbestimmt. Alle Beteiligten leisten ihren Möglichkeiten entsprechend einen wöchentlichen Einsatz zwischen zwei und vier Stunden. Jeweils am Mittwochabend findet ein Gartentreff statt, der auch dem Austausch und dem gemeinsamen Lernen dient.
Gemeinschaftsgärten werden immer beliebter. Alleine in Bern gibt es mehrere Projekte, die vergleichbar mit jenem des ZPK sind, beispielsweise die Hostet-Elfenau oder der Stiftsgarten. Die Gartengemeinschaft ist Teil eines städtischen Netzwerks (GartenNetzBern), welches einen losen Austausch pflegt und durch das ein Wissensaustausch auch über die einzelnen Gartengemeinschaften hinaus stattfindet. «Bei uns steht das Gemeinschaftliche aber wirklich im Vordergrund», sagt Grädel.

Für die Menschen ...
Dieses Miteinander ist auch Svenja Eckell und Eva Johner wichtig. Beide sind (fast) seit Beginn Teil des Gartenteams. «Mit Begeisterung und etwas Vorwissen zusammenzukommen, um gemeinsam etwas zu schaffen - das hat mir in den vergangenen Jahren sehr viel gegeben», sagt Svenja Eckell. Und Eva Johner ergänzt: «Es ‹fägt›, weil man gemeinsam etwas machen kann. Es ist beeindruckend, wie viele Leute sich dafür einsetzen.» Was anfänglich einfach gemeinsames Gärtnern war, ist jetzt viel mehr. «Für viele ist der Garten zu einem sozialen Fixpunkt geworden, man interessiert sich für die anderen und weiss wie es ihnen geht», sagt Eva Grädel. Und weiter: «Wir ‹aperölen› zusammen, die Gartengruppe feiert jede Jahreszeit gemeinsam und einmal im Jahr findet ein Herbstfest statt, zu dem das ZPK das Quartier einlädt.» Und tatsächlich: Beim Besuch der Autorin im Dezember trank die Gartengemeinschaft am Abend der Jahreszeit entsprechend zusammen Glühwein im Garten.
Der Gemeinschaftsgarten hat einen integrativen Charakter. Er fördert die Durchmischung im Quartier. Für eine Mitgärtnerin aus der Slowakei sei er der erste Integrationspunkt gewesen, erzählt Grädel. Aber nicht nur dieses Miteinander zählt: «Es ist spannend, so viel auszuprobieren und experimentieren zu dürfen», sagt Johner. «Niemand von uns hat einen Erfolgsdruck. Ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb das Experimentieren so Spass macht», ergänzt Eckell.
Die Forschung hat gezeigt, dass Gemeinschaftsgärten viele soziale Vorteile haben. Sie liefern frische Nahrungsmittel, durchbrechen soziale Barrieren und fördern die Gesundheit sowie das Wohlbefinden. Eva Johner wollte nach ihrer Pensionierung unbedingt aktiv bleiben und nutzte die Gelegenheit, «quasi vor meiner Haustür» zu gärtnern. Und Svenja Eckell findet: «Es macht vor allem mental etwas aus, am Abend im Garten zu arbeiten und in der Natur zu sein. Da kommt die körperliche Betätigung dann automatisch dazu. Aber es ist schon ein Mehrwert, wenn man an einem Mittwochabend im Garten ist und die Sonne untergehen sieht.»
Gemeinschaftsgärten haben einen nicht zu unterschätzenden pädagogischen und ästhetischen Wert. «In der Gartengemeinschaft gibt es viele erfahrene Personen, die früher ihren eigenen Garten hatten. Von ihrem Wissen können wir profitieren», erzählt Eckell. Und vom Learning by Doing ebenso. Die Gemeinschaft experimentiert mit Gemüsesorten, Kräutern und Blumen, sammelt Erfahrungswerte, optimiert oder verwirft etwas wieder, wenn es nicht funktioniert oder sich die Mehrheit dagegen ausspricht.
Optisch hat sich der Garten über die Jahre verändert. Die Wege zwischen den Beeten wurden am Anfang noch fein säuberlich gejätet, mittlerweile sind sie begrünt. Daran hatten nicht alle Freude und es musste gemeinsam ausgehandelt werden. So, wie sich der Garten jetzt präsentiert, gefällt er aber ganz offensichtlich. «Ich war fasziniert von der Entwicklung der Natur. Sie hat dem Garten einen Charakter gegeben. Das hat auch damit zu tun, wie die Gruppe zusammengesetzt ist», sagt Eva Grädel. Der Garten fällt auf: Es gibt Komplimente von der Direktion und von Besuchenden, die immer mal wieder Fragen rund ums Gärtnern stellen. «Ein interessiertes Publikum», findet Svenja Eckell.

... die Biodiversität
Die Zwiesprache mit der Natur sei für ihn conditio sine qua non, schrieb Paul Klee einst. Und mit der Sparte FRUCHTLAND bietet das ZPK Raum zum Verweilen und Entdecken. Ein Augenmerk wird dabei auf eine hohe Biodiversität und ihre Bedeutung für eine nachhaltige Landwirtschaft und eine gesunde Ernährung gelegt. Da erstaunt es nicht, dass auch der Gemeinschaftsgarten zur «Biodiversitätsförderfläche» erklärt wurde.
Bei der Anlage des Gartens und der Auswahl der Sorten wurde die Gemeinschaft zu Beginn durch Robert Zollinger unterstützt, der sich seit Jahrzehnten für die Vielfalt im Garten und in der Saatgutproduktion einsetzt (siehe HOTSPOT 50/24). Statt Allerweltssorten wuchsen bald Shiso, Tomatillo und Kardy. Die Gärtnerinnen und Gärtner kultivieren alte Gemüsesorten und profitieren dabei vom fundierten Wissen von Eva Johner. «Unser Garten ist viel biodiverser und entsprechend auch ein bisschen wilder geworden, aber das macht eben auch seinen Charakter aus», sagt Svenja Eckell. Die Gemeinschaft verzichtet konsequent auf Pestizide, gedüngt wird mit hauseigenem Kompost, Hühner- und zum Teil Eselmist. Mittlerweile haben auch kleine Nagetiere und Insekten den Garten für sich entdeckt. «Jetzt haben wir zum ersten Mal eine Maus im Garten. Gegen die haben wir bislang noch nichts gemacht, aber es wäre spannend, wenn sich beispielsweise ein Wiesel bei uns ansiedeln würde», sagt Eva Johner. «Im Igelhaus sind bis jetzt erst die Wespen eingezogen», ergänzt sie und lacht.
Die Kulturinstitution, die einst als elitär wahrgenommen wurde, ist es auch dank ihres Gemeinschaftsgartens nicht mehr.
Ursula Schöni ist Mitarbeiterin beim Forum Biodiversität und Redaktorin von HOTSPOT.
Kontakt:
Weitere Informationen: zpk.org/de/gemeinschaftsgarten, zpk.org/de/ueber-uns/fruchtland
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Biodiversität mitdenken ist schlau
- «Es braucht weniger Aktivismus im Wald, dafür mehr Naturprozesse und Gelassenheit»
- Henniez: Biodiversität als Trumpf für das Geschäft
- Weitblick für eine sichere und lebendige Emme
- Gemeinsam aktiv: Firmeneinsätze in Schweizer Pärken
- Natürlich gesund
- Die naturnahe Bank - ein Leuchtturmprojekt für Biodiversität im Siedlungsraum
- «Zufriedene Mitarbeitende sind für Unternehmen wertvoll»
- Städtische Teiche für Menschen und Natur
- Die Grafik zur Biodiversität

