Erhaltung und Produktion – Geht das zusammen? Lösungsansätze im Grünland
Es besteht ein breiter Konsens, dass die genetische Vielfalt in landwirtschaftlichen Flächen erhalten werden muss. In den letzten Jahren wurden mehrere sektorübergreifende Ansätze entwickelt, um Lösungen zu finden, die effizient sind und alle Beteiligten einbeziehen. Einige Stossrichtungen sind vielversprechend.
VON MORGANE LAMBERT, OLIVIER MAGNIN, CHRISTINA KÄGI UND SYLVAIN AUBRY
Trockenwiesen und -weiden sind äusserst vielfältige Lebensräume, die bis zu 100 Pflanzenarten pro Are beherbergen. Ihre Gesamtfläche in der Schweiz ist allerdings seit 1900 um fast 95 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig haben intensivere Anbaumethoden die durchschnittliche ökologische Qualität des Schweizer Grünlands stark reduziert.
Um Gegensteuer zu geben, hat die Schweiz verschiedene Instrumente eingeführt, die Landwirtinnen und Landwirte bei der Erhaltung und Förderung der Biodiversität auf dem Grünland unterstützen. Diese Instrumente werden laufend weiterentwickelt, wie die demnächst geplante Zusammenlegung der Landschaftsqualitäts- und Vernetzungsbeiträge zeigt. Der Erfolg dieser Programme hängt wesentlich vom Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis ab. Das gilt auch für die folgenden drei visionären Ansätze.
In-situ-Erhaltung von Futterpflanzen
Während der ökologische Wert von Trockenwiesen und -weiden nicht bestritten wird, ist die Bedeutung anderer Grünlandflächen für die Biodiversität weniger offensichtlich. Doch auch intensiver genutzte Dauerwiesen und -weiden können eine einzigartige genetische Vielfalt an Futterpflanzen beherbergen, die sich dank einer standortgerechten Bewirtschaftung entwickelt hat.
Die In-situ-Erhaltung ist eine Massnahme des Nationalen Aktionsplans zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft. Die Massnahme unterstützt seit 2022 die Erhaltung der genetischen Vielfalt der wichtigsten Futterpflanzen in der Schweiz, indem sie auf ausgewählten Flächen Übersaaten mit Zucht- oder Handelssaatgut verbietet und stabile Anbaubedingungen bewahrt. Gerade im Hinblick auf den Klimawandel ist das wichtig, denn vielfältige, lokal angepasste Pflanzenbestände können flexibler auf sich ändernde Umweltbedingungen reagieren.
Die Massnahme ist zielorientiert und stützt sich auf die Initiative und das Fachwissen von Landwirtinnen und Landwirten. Zurzeit bilden die In-situ-Flächen ein rund 1800 ha grosses Netzwerk, das über die ganze Schweiz verteilt ist. Dieses Netzwerk ist das Ergebnis einer gelungenen Kooperation zwischen Produktion, Züchtung und Erhaltung.

Das sektorübergreifende Programm RegioFlora
Die vom Bund unterstützte Plattform RegioFlora fördert seit 2023 Praktiken zur Erhaltung der regionalen Vielfalt im Grünland. Das Zielpublikum der Plattform sind Landwirtinnen, Landwirte und andere Interessierte wie Fachleute aus Gartenbau- und Naturschutz. Die Plattform bietet Fachwissen in Bezug auf die Verwendung von regionalem Saatgut mittels Direktbegrünungen, Begrünungen von Böschungen oder auch Ersatzmassnahmen im Rahmen von Bauvorhaben. RegioFlora berät, informiert und vernetzt regionale Akteurinnen und Akteure.
Die Plattform bringt Personen mit interessanten Grünlandflächen (den Spenderflächen) in Kontakt mit Personen, die Flächen ökologisch aufwerten wollen, und begleitet das Verfahren der Direktbegrünung. RegioFlora verfasst auch Empfehlungen für die Zusammensetzung von Saatgutmischungen für bestimmte Grünlandflächen und trägt damit dazu bei, den regionalen, genetischen Charakter zu bewahren. Es steht viel auf dem Spiel. Der Schutz der lokalen genetischen Vielfalt in landwirtschaftlichen Flächen, aber auch an Strassenrändern und in Städten, ist ein Thema, das noch viel Kommunikations- und Sensibilisierungsarbeit erfordert.
Erhaltung der verkannten Verwandten
Der Schwerpunkt der Bemühungen zur Erhaltung der Biodiversität liegt auf bedrohten Wildpflanzenarten. Jene, die Kulturpflanzen züchten, verwenden routinemässig den Genpool der Wildpflanzen, um Eigenschaften einzukreuzen und ihre neuen Sorten an neue Bedingungen und Ansprüche anzupassen. In den letzten Jahren ist man sich der Bedeutung dieser wilden Verwandten unserer Kulturpflanzen (Crop Wild Relatives) bewusst geworden, weshalb entsprechende Projekte auf europäischer Ebene ins Leben gerufen wurden.
Eines davon ist das 2024 lancierte Horizon-Projekt COUSIN, an dem 25 Partner beteiligt sind - mit dem Bundesamt für Landwirtschaft, der Universität Lausanne und dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau auch drei aus der Schweiz. Es handelt sich um ein typisches sektorübergreifendes Projekt, das gezielte Massnahmen zur Inventarisierung, Priorisierung, Sammlung, Phänotypisierung und Produktion neuer sowie vermarktbarer Pflanzen umsetzen will. Im Fokus stehen fünf Nutzpflanzengruppen, die für die europäische Landwirtschaft wichtig sind: Weizen, Gerste, Erbsen, Kopfsalat und Kohl.
Ausgehend von den Bedürfnissen der Landwirtschaft werden die wilden «Cousins» zunächst identifiziert, geerntet, genotypisiert und phänotypisiert, um dann in Züchtungsprogramme aufgenommen zu werden. Interessant sind dabei Eigenschaften wie etwa Hitzeresistenz bei Kopfsalat oder Krankheitsresistenzen bei Kohl. Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit verschiedener Akteurinnen und Akteure mit dem Ziel, Erhaltungsmassnahmen in der Landwirtschaft zu verankern und wertzuschätzen.
Synergien nutzen
Diese drei Beispiele sind Ausdruck ein und derselben Vision: Es braucht eine Synergie zwischen den Kompetenzbereichen Erhaltung und Produktion, um die Biodiversität in unseren Landschaften besser erhalten und fördern zu können. Die verfolgten Ansätze sind aber unterschiedlich: Bei der In-situ-Erhaltung übernehmen die Landwirtinnen und Landwirte Verantwortung, RegioFlora baut eine nachhaltige, wissenschaftliche Interessen- und Fachgemeinschaft zu Fragen der Begrünung auf und das COUSIN-Projekt zeigt eine Perspektive für die konkrete Nutzung der genetischen Vielfalt für die Züchtung auf.
Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind vielfältig und betreffen verschiedene räumliche und zeitliche Dimensionen. Die Forschungsarbeiten sind denn auch langfristig angelegt und sollen in den Köpfen der Menschen nachhaltig wirken und dazu beitragen, sich der gemeinsamen Verantwortung für die Erhaltung der Biodiversität für künftige Generationen bewusst zu werden.
Olivier Magnin ist Biologe und für RegioFlora tätig.
Morgane Lambert, Christina Kägi und Sylvain Aubry sind ebenfalls Biologinnen bzw. Biologe und arbeiten für das Bundesamt für Landwirtschaft.
Kontakt:
Weitere Informationen: regioflora.ch, cousinproject.eu
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Biodiversität mitdenken ist schlau
- «Es braucht weniger Aktivismus im Wald, dafür mehr Naturprozesse und Gelassenheit»
- Henniez: Biodiversität als Trumpf für das Geschäft
- «Für viele ist der Garten zu einem sozialen Fixpunkt geworden»
- Weitblick für eine sichere und lebendige Emme
- Gemeinsam aktiv: Firmeneinsätze in Schweizer Pärken
- Natürlich gesund
- Die naturnahe Bank - ein Leuchtturmprojekt für Biodiversität im Siedlungsraum
- «Zufriedene Mitarbeitende sind für Unternehmen wertvoll»
- Städtische Teiche für Menschen und Natur
- Die Grafik zur Biodiversität


