Flüsse und Bäche revitalisieren - und daraus lernen!
Naturnahe Flusslandschaften gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Schweiz, sind aber gleichzeitig stark beeinträchtigt. Mit der gesetzlich verankerten Revitalisierung und einer schweizweit einheitlichen Wirkungskontrolle haben Bund und Kantone die Grundlage geschaffen, um Fliessgewässer ökologisch aufzuwerten und ihre Wirkung langfristig messbar zu machen.
VON CHRISTINE WEBER
Mosaik, Puzzle Flickenteppich - das alles trifft auf naturnahe Flusslandschaften zu. Sie bestehen aus verschiedensten Lebensräumen - von ganz nass bis ganz trocken. Das Lebensraummosaik ist durch Hochwasser sehr dynamisch und ausserordentlich artenreich: 80 % der in der Schweiz gezählten Arten können in Flusslandschaften vorkommen.
Gleichzeitig gehören Bäche und Flüsse zu den am stärksten beeinträchtigten Ökosystemen in unserem Land. So haben 16 000 Flusskilometer heute eine naturferne Struktur oder fliessen in Röhren. Auf der Roten Liste finden sich viele Gewässerbewohner, beispielsweise über 60 % der Fischarten (BAFU und info fauna 2022).
4000 km welden revitalisiert
Seit 2011 ist die Revitalisierung der Fliessgewässer im Gewässerschutzgesetz (GSchG) verankert. Bis 2090 sollen 4000 Kilometer Fliessgewässer und Seeufer revitalisiert werden. Bund und Kantone investieren dazu jährlich 60 Millionen Franken. Die Umsetzung verläuft in zwei Stufen: Alle 12 Jahre erstellen die Kantone eine strategische Planung. Basierend darauf setzen sie lokale Projekte um.
Revitalisierungsprojekte verfolgen ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ziele. Dazu gehören die Förderung einer naturnahen Ufervegetation, die Schaffung eines attraktiven Naherholungsgebiets oder der Hochwasserschutz. Je nach Zielsetzung und Platzverhältnissen bieten sich unterschiedliche Revitalisierungsmassnahmen an wie Aufweitung, Uferstrukturierung, Ausdolung oder die Entfernung eines Wanderhindernisses (Woolsey et al. 2005, Knecht et al. 2025). Ein breiter Kreis von Akteurinnen und Akteuren engagiert sich in unterschiedlichen Rollen für Revitalisierungen (Fischer et al. 2017) - insbesondere Behörden von Gemeinden und Kantonen, Planungsbüros und Umweltorganisationen.
Zwischen 2011 und 2019 wurden gemäss BAFU 433 Revitalisierungsprojekte in 24 Kantonen umgesetzt und dabei 156 km Fliessgewässer revitalisiert (BAFU 2021). Im Durchschnitt war ein Projekt 361 m lang. 76 % der Projekte lagen in kleinen Gewässern (<2 m Sohlenbreite), was die Verteilung der Gewässerkilometer in der Schweiz repräsentativ widerspiegelt.
Die Wirkung messen
Eine Wirkungskontrolle überprüft, ob die gesetzten Ziele erreicht wurden. Seit Januar 2020 ist die Wirkungskontrolle schweizweit vereinheitlicht. Alle vom Bund mitfinanzierten Revitalisierungsprojekte mit Wirkungskontrolle erfolgen nach den Vorgaben der Praxisdokumentation «Gemeinsam lernen für die Zukunft» (BAFU 2019). Wie der Titel besagt, will man die Mehrgenerationenaufgabe Revitalisierung mit einer soliden, projektübergreifenden Datengrundlage unterstützen und noch wirkungsvoller machen. Die Daten aus der Wirkungskontrolle werden zentralisiert gesammelt.
Die Schweizer Wirkungskontrolle besteht aus zwei Elementen: In der Wirkungskontrolle STANDARD werden typische Revitalisierungsziele an einer grossen Zahl unterschiedlicher Projekte überprüft. Dabei wird ein Vorher-Nachher-Vergleich gemacht. In der Wirkungskontrolle VERTIEFT werden dagegen konkrete Praxisfragen beantwortet, und zwar anhand von ausgewählten Flussabschnitten, die bereits länger revitalisiert sind. Sie werden in einem reinen Nachher-Vergleich einer kanalisierten Kontrollstrecke gegenübergestellt. Für die erste Phase der Wirkungskontrolle VERTIEFT (2020-2024) lag der Schwerpunkt auf der Revitalisierung von kleinen Bächen.
Was Revitalisierungsprojekte bringen
Bis die Resultate dieser Wirkungskontrolle vorliegen, dauert es noch ein bisschen, der zugehörige Synthesebericht der Eawag erscheint aber noch 2026. In der Schweiz wird jedoch nicht erst seit der GSchG-Revision revitalisiert. So wurden beispielsweise an der Thur seit Ende der 1980er-Jahre wiederholt Aufwertungen vorgenommen. Mit der Zeit wurden sie zunehmend länger und breiter. In der Aufweitung Schäffäuli ist das Lebensraummosaik mit der Revitalisierung deutlich vielfältiger geworden, wie der Vergleich mit einer kanalisierten Kontrollstrecke zeigt (Weber et al. 2009, Abb. 1).
Ein vielfältiges Lebensraummosaik begünstigt eine diverse Lebensgemeinschaft unterschiedlichster Arten. Am Liechtensteiner Binnenkanal hat sich die Fischartenzahl mit der Revitalisierung und insbesondere der Entfernung des künstlichen Absturzes an der Mündung zum Alpenrhein innerhalb von vier Jahren von sechs auf 16 erhöht (Bohl et al. 2004, Abb. 2). Nicht in allen Revitalisierungsprojekten vollzieht sich die Veränderung so schnell. Die Arten waren im Alpenrhein-System vorhanden und konnten zügig einwandern.
Ähnlich präsentiert sich die Situation im Wildibach im Kanton Aargau. Er wurde als Seitengewässer zur Aare neu geschaffen. Innert weniger Monate wanderten 24 Fischarten ein (Würmli et al. 2005). Dies war möglich, weil die Aare in der Umgebung noch einen reichhaltigen Artenpool bietet. Zahlreiche Fischarten pflanzten sich im Wildibach fort und nutzten ihn als Kinderstube. Entsprechend hoch war der Anteil an Jungfischen.
Wie geht es weiter?
Der Synthesebericht zur Wirkungskontrolle VERTIEFT 2020-2024 wird auch Schlussfolgerungen für verschiedene Praxisaufgaben enthalten, so zum Beispiel für die strategische Planung, die Projektplanung oder den Gewässerunterhalt. Diese Schlussfolgerungen werden aktuell mit einem breiten Kreis von Praktikerinnen und Praktikern entwickelt.
Gleichzeitig wird auch das Weiterbildungsangebot rund um die Wirkungskontrolle Revitalisierung weitergeführt. So findet am 24. September 2026 an der Eawag in Dübendorf ein PEAK-Kurs zum Indikator-Set 5 «Makrophyten» der Praxisdokumentation statt. Nach einer Einführung in die Planung und den Ablauf der Felderhebungen vertiefen die Teilnehmenden ihre Kenntnisse in der Datenerfassung und Bewertung der Wasserpflanzen.
Es läuft also bereits viel rund um die Revitalisierung der Fliessgewässer und zur Wirkungskontrolle. Dennoch darf dabei nicht vergessen gehen, dass zusätzlich dringend Massnahmen nötig sind, um noch naturnahe Bäche und Flüsse vor negativen Beeinflussungen und Zerstörung zu bewahren. Der Druck auf unsere Gewässer erhöht sich laufend. Nur durch das enge Zusammenspiel zwischen Schutz und Revitalisierung lässt sich die bedrohte Biodiversität in unseren Gewässern langfristig erhalten.
Christine Weber ist Leiterin der Gruppe Flussrevitalisierungen beim Wasserforschungsinstitut Eawag. Die Fliessgewässerökologin befasst sich in ihrer Forschung vor allem mit der Dynamik von Fliessgewässern sowie der Revitalisierungs- und Störungsökologie.
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Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
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- Quell-Lebensräume im Jura: Inventar, Schutz und Revitalisierung
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- Der Hallwilersee: ein Landschaftsjuwel als Langzeitpatient
- Die Grafik zur Biodiversität

