Die Zeitschrift des Forums Biodiversität widmet sich aktuellen Themen rund um die Biodiversität, welche Forschende und Fachleute aus Verwaltung und Praxis beleuchten. Zweimal jährlich erscheint eine neue Ausgabe in Deutsch und Französisch.

Bild: C.Schüssler, stock.adobe.com

Ohne Monitoring tappen wir beim Gewässerschutz im Dunkeln

VON GREGOR KLAUS

Die Wyna fliesst unterhalb von Beromünster im Kanton Luzern durch intensiv genutztes Acker- und Grünland. Meist von Gehölzen gesäumt, schlängelt sich das Gewässer Richtung Menziken im Kanton Aargau. Auf den ersten Blick ist die Wyna - vor allem für Mittellandverhältnisse - ein relativ naturnahes Gewässer, landschaftlich definitiv eine Bereicherung. Doch die Idylle trügt. Unter der Wasseroberfläche ist das Leben stark eingeschränkt. Messungen des Kantons Luzern aus dem Herbst 2025 offenbarten, dass der Grenzwert des Pflanzenschutzmittels Deltamethrin um das 4200-fache überschritten wurde.

Verborgenes sichtbar machen
Der Fall der Wyna ist kein isoliertes Ereignis. Er steht exemplarisch für eine grundlegende Erkenntnis im Gewässerschutz: Ohne gezielte Beobachtung bleibt vieles unsichtbar. Gerade Belastungen des Wassers wirken oft episodisch, räumlich begrenzt oder unterhalb dessen, was mit blossem Auge wahrnehmbar ist. Erst Messungen und biologische Erhebungen machen sichtbar, wie es unseren Gewässern tatsächlich geht und wo Handlungsbedarf besteht.

Die Artikel in dieser Ausgabe zeigen eindrücklich, welche zentrale Rolle Monitorings dabei spielen. Nationale Programme, kantonale Erhebungen, Wirkungskontrollen bei Revitalisierungen oder Untersuchungen in Seen, Quellen, Auen, Amphibienlaichgebieten und im Grundwasser liefern die Grundlagen, um den Zustand der Gewässer einzuordnen und Entwicklungen über Jahre hinweg zu verfolgen. Sie zeigen, wo ökologische Ziele erreicht werden, und wo nicht.

Von der Diagnose zum Lösungsansatz
Die Befunde sind oftmals ernüchternd, zeigen aber auch Erfolge. Revitalisierte Bäche entwickeln wieder vielfältige Lebensräume. Der Ausbau von Abwasserreinigungsanlagen reduziert Schadstoffeinträge messbar. Neu angelegte temporäre Gewässer in der Landwirtschaft stabilisieren und fördern Amphibienbestände. Seen, die seit Jahrzehnten überwacht werden, zeigen sowohl die Erfolge von Sanierungsmassnahmen als auch die Grenzen des Erreichten.

Gleichzeitig verdeutlichen die Beiträge dieser Ausgabe, dass Monitoring weit mehr ist als eine Diagnose. Dort, wo Daten systematisch erhoben, ausgewertet und genutzt werden, können konkrete Lösungen entstehen. Wo muss der Nähr- und Schadstoffeintrag weiter reduziert werden, wo brauchen die Gewässer mehr Raum und mehr Wasser?

Unter der scheinbar idyllischen Oberfläche vieler Gewässer verbirgt sich eine eigene Welt, die oftmals stärker belastet ist, als es von aussen sichtbar ist. Erst Messungen und biologische Untersuchungen zeigen, wie es Fischen und anderen Wasserlebewesen tatsächlich geht.
Unter der scheinbar idyllischen Oberfläche vieler Gewässer verbirgt sich eine eigene Welt, die oftmals stärker belastet ist, als es von aussen sichtbar ist. Erst Messungen und biologische Untersuchungen zeigen, wie es Fischen und anderen Wasserlebewesen tatsächlich geht.Bild: Michel Roggo
Unter der scheinbar idyllischen Oberfläche vieler Gewässer verbirgt sich eine eigene Welt, die oftmals stärker belastet ist, als es von aussen sichtbar ist. Erst Messungen und biologische Untersuchungen zeigen, wie es Fischen und anderen Wasserlebewesen tatsächlich geht.
Unter der scheinbar idyllischen Oberfläche vieler Gewässer verbirgt sich eine eigene Welt, die oftmals stärker belastet ist, als es von aussen sichtbar ist. Erst Messungen und biologische Untersuchungen zeigen, wie es Fischen und anderen Wasserlebewesen tatsächlich geht.Bild: Michel Roggo

Monitoring schafft damit auch Orientierung. Es erlaubt, Massnahmen zu priorisieren, ihre Wirksamkeit zu überprüfen und aus Erfolgen wie aus Rückschlägen zu lernen. Vor allem aber schafft es eine gemeinsame Gesprächsgrundlage. Zahlen, Karten und biologische Befunde ermöglichen den Dialog zwischen kantonalen Behörden, Landwirtschaft, Gemeinden und Forschung. Sie helfen, Ursachen zu erkennen, Verantwortung zu teilen und Lösungen gemeinsam zu entwickeln. Und zwar nicht auf Vermutungen, sondern auf Fakten gestützt.

Ein langer Weg
Es läuft bereits einiges im Bereich Gewässerschutz, der heute auf einer breiten gesetzlichen und gesellschaftlichen Basis steht. Dank den verschiedenen Gesetzesrevisionen ist der Vollzug gestärkt und ökologische Anliegen wie Restwassermengen sind verbindlich verankert. Bund und Kantone investieren seit Jahren in Revitalisierungen, Abwasserreinigung und den Schutz sensibler Lebensräume. Doch bis alle Massnahmen umgesetzt sind und ihre Wirkung entfalten, braucht es Zeit und vor allem mehr Konsequenz. Hier muss zugelegt werden, vor allem auch beim Gewässerraum, der bei genügender Breite zentrale ökologische und geomorphologische Funktionen von Fliessgewässern gewährleistet.

Im Kanton Luzern wurde 2023 das Projekt «Absenkpfad Pflanzenschutzmittel» lanciert. Treten Vorfälle wie an der Wyna auf, werden runde Tische einberufen. Gemeinsam mit den Landwirtschaftsbetrieben im Einzugsgebiet wird nun nach Lösungen gesucht, um Einträge zu reduzieren. Solche Prozesse sind anspruchsvoll und dauern. Sie zeigen aber, wie Monitoring vom Messwert zum Handeln führen kann.

Der Weg zu lebendigen Gewässern ist lang. Doch eines ist klar: Ohne Monitoring tappen wir beim Gewässerschutz im Dunkeln. Mit Monitoring sehen wir klarer - und können gezielt handeln.


GREGOR KLAUS ist freier Wissenschaftsjournalist und Redaktor von HOTSPOT.