Die Zeitschrift des Forums Biodiversität widmet sich aktuellen Themen rund um die Biodiversität, welche Forschende und Fachleute aus Verwaltung und Praxis beleuchten. Zweimal jährlich erscheint eine neue Ausgabe in Deutsch und Französisch.

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Das versteckte Leben der Nachtfalter

Oft stehen sie im wahrsten Sinne des Wortes im Schatten ihrer tagaktiven Verwandten. Doch Nachtfalter bilden eine bemerkenswert vielfältige Gruppe und spielen eine wichtige ökologische Rolle. In der Schweiz sind ihre Populationen allerdings zahlreichen Einflussfaktoren ausgesetzt. Dazu zählen Lebensräume, die zerstört werden, bestimmte intensive landwirtschaftliche Praktiken – und die Lichtverschmutzung.

VON KILIAN JUNKER

Die Schweiz beherbergt mehr als 200 Tagfalter-Arten, aber angesichts der mehr als 3600 Arten von «Nachtfaltern», die hierzulande leben, erscheint diese Zahl recht bescheiden (Bolt und Schmid 2024). Die Gruppe der Nachtfalter hat keine systematische Grundlage und umfasst Arten und Familien, die sowohl hinsichtlich ihrer ökologischen Bedürfnisse als auch ihrer Form und Grösse frappante Unterschiede aufweisen.

Die Bandbreite ist riesig: Das Grosse Nachtpfauenauge (Saturnia pyri) – der grösste Schmetterling Europas – erreicht eine Flügelspannweite von 15 Zentimetern, während die Stigmella-Arten nur wenige Millimeter gross sind. Auch in ihrem Verhalten zeigen sich erhebliche Unterschiede. Vom Totenkopfschwärmer (Acherontia atropos), dessen nächtliche Wanderungen über grosse Distanzen immer genauer erforscht werden (Menz et al. 2022), bis hin zur Zackeneule (Scoliopteryx libatrix), die gerne in Höhlen überwintert, gibt es eine Vielzahl von Lebensweisen. Entgegen ihrer volkstümlichen Bezeichnung sind viele Nachtfalter übrigens auch tagsüber aktiv.

Aber auch wenn sich das Verhalten der einzelnen Arten stark unterscheidet: Viele von ihnen nutzen Pheromone zu Fortpflanzungszwecken. Diese ganz besonders flüchtigen Moleküle werden in der Regel von den Weibchen freigesetzt und von den Männchen über ihre Antennen wahrgenommen – manchmal über mehrere Kilometer hinweg.

Nachtfalter übernehmen zahlreiche grundlegende ökologische Funktionen. Ihre Bedeutung als nächtliche Bestäuber beispielsweise wurde lange Zeit unterschätzt. Abgesehen davon dienen sie als wichtige Nahrungsquelle für viele Tiere höherer trophischer Ebenen, darunter Fledermäuse und insektenfressende Vögel.

Mittlerer Weinschwärmer
Mittlerer WeinschwärmerBild: Thomas Marent
Mittlerer Weinschwärmer
Mittlerer WeinschwärmerBild: Thomas Marent

Eine fragile Welt
Nachtfalter können fast überall in der Schweiz und fast das ganze Jahr über angetroffen werden. Ihre Bestände gehen jedoch zurück. Zu den Hauptursachen dieser Entwicklung zählen die Zerstörung oder Schädigung ihrer Lebensräume durch zu intensive landwirtschaftliche Praktiken. Auch die Lichtverschmutzung spielt eine zunehmend wichtige Rolle.

Künstliches Licht bei Nacht beeinträchtigt Nachtfalter auf verschiedene Weise (Boyes et al. 2021). Am auffälligsten ist, dass nachtaktive Insekten, die von künstlicher Beleuchtung angezogen werden, orientierungslos werden. Während die zugrunde liegenden Mechanismen noch diskutiert werden, sind ihre Auswirkungen eindeutig: Die Insekten erschöpfen sich beim Umkreisen der Lichtquellen, was ihre Lebenserwartung und ihre Fortpflanzungsfähigkeit verringert.

KI-gestütztes Überwachungssystem
Paradoxerweise setzt auch die Wissenschaft auf Licht bei der Erforschung dieser Artengruppe. Lichtquellen, die UV-Strahlung abgeben, werden schon lange für eine effiziente Erfassung dieser nachtaktiven Fauna eingesetzt.

Der Mangel an Artenkennerinnen und -kennern macht aber den Einsatz neuer Technologien erforderlich. Ein Projekt von info fauna, welches vom BAFU unterstützt wird, will autonom funktionierende Überwachungssysteme einrichten: Diese nehmen während der ganzen Nacht Bilder von Insekten auf, die von einem beleuchteten Bildschirm angezogen werden. Die gesammelten Daten werden dann mit Hilfe von Algorithmen analysiert, die es erlauben, die meisten Arten automatisch zu identifizieren. So kann auch die Entwicklung der Populationen und ihrer Biomasse überwacht werden.

Ein gezielter Einsatz von Licht in Verbindung mit innovativen Technologien und wissenschaftlicher Expertise kann dazu beitragen, das Wissen über die nachtaktive Fauna deutlich zu verbessern. Mit Hilfe präziser Daten lassen sich die spezifischen Bedrohungen für diese unverzichtbaren Insekten besser einschätzen und gegebenenfalls Schutzmassnahmen zu ihren Gunsten ergreifen.


Kilian Junker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von info fauna und verantwortlich für das Projekt zur Entwicklung eines KI-gestützten Überwachungssystems.

Kontakt:

Bolt D, Schmid J (2024) Für die Schweiz neue Schmetterlingsnachweise und Bestätigungen von bis anhin zweifelhaften Schweizer Vorkommen (Lepidoptera). OPUSCULA LEPIDOPTEROLOGICA ALPINA V:1-16

Boyes DH, Evans DM, Fox R, Parsons MS, Pocock MJO (2021) Is light pollution driving moth population declines? A review of causal mechanisms across the life cycle. Insect Conserv Divers 14: 167-187.

Menz MHM et al. (2022) Individual tracking reveals long-distance flight-path control in a nocturnally migrating moth. Science 377: 764-768.

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