Beobachten, verstehen, handeln: NAWA als Kompass für den Gewässerschutz
Wie steht es um den Zustand unserer Fliessgewässer und wie entwickelt er sich über die Zeit? Mit der Nationalen Beobachtung der Oberflächengewässerqualität (NAWA) betreiben Bund und Kantone ein kontinuierliches Überwachungsprogramm für Nährstoffe, Mikroverunreinigungen und biologische Indikatoren in den Schweizer Bächen und Flüssen.
VON ANNE-SOPHIE VOISIN UND YAEL SCHINDLER WILDHABER
Ziel von NAWA ist es, die Gewässerqualität auf nationaler Ebene zu überwachen. Der einheitliche und laufend grösser werdende Datensatz ermöglicht detaillierte Analysen. Er erlaubt es, Probleme frühzeitig zu erkennen, die Einhaltung gesetzlicher Anforderungen zu überprüfen und gegebenenfalls Massnahmen einzuleiten. Zudem kann die Wirksamkeit von Gewässerschutzmassnahmen überprüft werden, beispielsweise im Rahmen des Aktionsplans zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln oder des Ausbaus von Abwasserreinigungsanlagen mit einer zus.tzlichen Reinigungsstufe zur Entfernung von Mikroverunreinigungen. Die Ergebnisse von NAWA bilden somit eine zentrale Grundlage für die Ausgestaltung und Ausrichtung der nationalen Gewässerschutzpolitik.
NAWA ist in drei sich ergänzende Module gegliedert:
- NAWA TREND gewährleistet die langfristige Überwachung der Nährstoffkonzentrationen an 130 Messstationen, der Mikroverunreinigungen an 38 dieser Stationen sowie biologischer Indikatoren.
- NAWA FRACHT erfasst langfristig die Gesamtmengen an Stoffen, die in grossen Fliessgew.ssern transportiert werden (18 Messstationen).
- NAWA SPEZ umfasst gezielte, zeitlich begrenzte Kampagnen zur Beantwortung spezifischer Fragestellungen.
Oftmals wenig naturnaher Zustand
Der biologische Zustand der Fliessgewässer wird seit 2012 im Rahmen von NAWA TREND überwacht. Alle vier Jahre werden Kieselalgen, Wasserpflanzen, Makrozoobenthos und Fische an 41 bis 113 Standorten erhoben, je nach Indikatorgruppe. Das Makrozoobenthos – kleine wirbellose Tiere wie Insektenlarven, Kleinkrebse, Schnecken, Muscheln und Würmer, die auf und im Gewässerboden leben – wird zusätzlich jährlich an denselben Standorten untersucht wie die Mikroverunreinigungen.
Diese Bioindikatoren erlauben es zu beurteilen, inwieweit ein Gewässer seine Funktion als Lebensraum erfüllt und ob die Ökologischen Ziele der Gewässerschutzverordnung erreicht werden. Gemäss diesen Zielen sollen die aquatischen Lebensgemeinschaften eine naturnahe, standortgerechte Zusammensetzung aufweisen. Die aus den Bioindikatoren abgeleiteten Indizes helfen zudem, spezifische menschliche Belastungen sichtbar zu machen.
Die Ergebnisse der vierten NAWA-TREND-Kampagne Biologie (2023) zeigen, dass die Schweizer Fliessgewässer weiterhin starken Belastungen ausgesetzt sind und die Biodiversität auf einem tiefen Niveau stagniert. An rund 60 % der 113 untersuchten Standorte ist der Zustand mässig bis ungenügend, wenn alle vier biologischen Indikatoren berücksichtigt werden (Abb. 1). In verbauten Abschnitten oder in Gewässern, die Schadstoffen und Nährstoffen ausgesetzt sind, weichen die Tier- und Pflanzengemeinschaften deutlich vom natürlichen Zustand ab. Besonders betroffen sind die Fische: In drei Vierteln der Gewässer, in denen Fische erhoben wurden, erfüllen die Gewässer ihre Funktion als Lebensraum für diese Organismen nicht.
An rund 60 % der Standorte sind besonders pestizidsensible Makrozoobenthos-Arten und -Familien selten oder fehlen ganz. Es zeigt sich deutlich, dass Landwirtschaftsflächen und Siedlungsgebiete mit einem Rückgang empfindlicher Arten einhergehen.
Massnahmen zeigen Wirkung, Handlungsbedarf bleibt aber bestehen
Die Daten zu Mikroverunreinigungen zeigen insgesamt eine Verbesserung der Belastung der Oberflächengewässer in den letzten Jahren (Abb. 2). Dennoch bleibt die chemische Wasserqualität vielerorts ungenügend. Nahezu alle untersuchten Fliessgewässer weisen Überschreitungen der ökotoxikologischen Qualitätskriterien auf, also Konzentrationen, bei denen ein Risiko für aquatische Organismen nicht ausgeschlossen werden kann (Abb. 3). Besonders problematisch sind Arzneimittel sowie Insektizide.
Die NAWA-Ergebnisse verdeutlichen, dass weiterhin grosser Handlungsbedarf besteht, um den Zustand unserer Fliessgewässer zu verbessern. Die durch das Gewässerschutzgesetz vorgeschriebenen und unterstützten Massnahmen zur Verbesserung der Wasserqualität und zur Renaturierung zeigen jedoch bereits Wirkung: Revitalisierungen, Fischaufstiegshilfen bei Wasserkraftwerken, eine bessere Abwasserreinigung sowie eine Verringerung der Belastung durch Pflanzenschutzmittel. Ein gutes Beispiel dafür ist der Furtbach, wo sich die Bestände von Bachflohkrebsen nach der Reduktion der Einträge von Mikroverunreinigungen deutlich erholt haben (siehe S. 8).
Kontinuität und Weiterentwicklung
Um langfristige Entwicklungen zuverlässig zu dokumentieren, muss NAWA TREND möglichst unverändert weitergeführt werden, sich jedoch gleichzeitig regelmässig an neue wissenschaftliche und technologische Erkenntnisse anpassen. Das Programm muss insbesondere die Überwachung jener Mikroverunreinigungen sicherstellen, die für aquatische Organismen besonders problematisch sind.
Die Liste der erfassten Substanzen wird regelmässig in enger Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen der Kantone, dem BAFU, der Eawag, dem Oekotoxzentrum und dem Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute überprüft (Daouk et al. 2025). Entsprechend wurde die Liste der Substanzen aktualisiert, die ab 2026 gemessen werden. Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) werden ab 2027 integriert. Darüber hinaus ermöglicht es die hochauflösende Massenspektrometrie, bisher unbekannte Substanzen zu detektieren und industrielle Mikroverunreinigungen besser zu charakterisieren.
Anne-Sophie Voisin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sektion Gewässerqualität des BAFU und unter anderem zuständig für das Programm NAWA TREND Chemie.
Yael Schindler Wildhaber ist stellvertretende Sektionschefin der Sektion Wasserqualität des BAFU und unter anderem zuständig für das Programm NAWA TREND Biologie.
Kontakt:

Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Ohne Monitoring tappen wir beim Gewässerschutz im Dunkeln
- Flüsse und Bäche revitalisieren - und daraus lernen!
- Fische als Bioindikatoren zeigen Zustand unserer Gewässer
- Gewässerdaten zeigen Defizite - Lösungen entstehen im Dialog
- Quell-Lebensräume im Jura: Inventar, Schutz und Revitalisierung
- Biodiversität im Grundwasser: Wertvoll, aber noch zu wenig beachtet
- Der Hallwilersee: ein Landschaftsjuwel als Langzeitpatient
- Die Grafik zur Biodiversität

