Die Zeitschrift des Forums Biodiversität widmet sich aktuellen Themen rund um die Biodiversität, welche Forschende und Fachleute aus Verwaltung und Praxis beleuchten. Zweimal jährlich erscheint eine neue Ausgabe in Deutsch und Französisch.

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Kleine Teiche mit grosser Wirkung

Vincent Jaggi leitet beim Kanton Genf das Programm für natürliche Lebensräume und Schutzgebiete.
Vincent Jaggi leitet beim Kanton Genf das Programm für natürliche Lebensräume und Schutzgebiete.
Vincent Jaggi leitet beim Kanton Genf das Programm für natürliche Lebensräume und Schutzgebiete.Bild: Vincent Jaggi
Bild: Vincent Jaggi

Kleine Stillgewässer sollen wieder Platz haben in den Kulturlandschaften des Kantons Genf. Vincent Jaggi, Leiter des kantonalen Programms für natürliche Lebensräume und Schutzgebiete, erklärt im Interview, wie die Schaffung temporärer Gewässer zu einem wichtigen Instrument für die Stärkung der Biodiversität in der Landwirtschaft geworden ist. Der Ansatz ist wegweisend und wurde in enger Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Kreisen entwickelt. Er zeigt, dass Landwirtschaft und Biodiversität miteinander vereinbar sind.

INTERVIEW: DANIÈLE MARTINOLI

HOTSPOT: Bis anhin waren Tümpel und Teiche in der Landwirtschaft nicht sehr beliebt, da sie der Nahrungsmittelproduktion im Weg stehen und ihr Unterhalt nicht abgegolten wurde. Weshalb hat sich der Kanton Genf dennoch dazu entschieden, eine Vorreiterrolle bei der Förderung dieser Feuchtgebiete in landwirtschaftlichen Zonen zu übernehmen?
Im Kanton Genf hat der Verlust von Feuchtgebieten in den letzten 150 Jahren die Landschaften tiefgreifend verändert und zum Rückgang zahlreicher Arten beigetragen. Mit dem näher rückenden Ende des Kiesabbaus im Kanton verschärfte sich die Situation, da Kiesgruben bestimmten Arten wie etwa der Kreuzkröte als wichtige Ersatzlebensräume dienten. Der Kanton verfügte zwar über Programme zur Schaffung von kleinen Stillgewässern, allerdings nur in Naturschutzgebieten und Wäldern. Vor diesem Hintergrund entschied sich Genf für eine innovative Lösung: das Anlegen neuer temporärer Teiche direkt auf landwirtschaftlichen Flächen. Dieser Ansatz wurde schrittweise und im Rahmen eines intensiven Dialogs zwischen kantonalen Behörden, Landwirtschaft und Fachverbänden, insbesondere KARCH Genève, entwickelt.

Was genau sind diese neuen temporären Gewässer und welche Bedeutung haben sie für die Biodiversität?
Ein temporäres Gewässer ist eine flache Senke oder Mulde, die sich im Winter und im Frühling mit Regen- oder oberflächlich abfliessendem Wasser füllt und im Sommer auf natürliche Weise austrocknet. Die saisonale Dynamik ist dabei von entscheidender Bedeutung: Sie schafft einen Pionierlebensraum mit wenig Vegetation und wenigen Fressfeinden. Die Erfahrung zeigt, dass diese Gewässer eine angemessene Morphologie und Tiefe aufweisen müssen, um diese Dynamik zu gewährleisten - in der Regel etwa 150 m2 und 60 cm Tiefe. Sie beherbergen eine Vielzahl von Organismen: Amphibien, Wasserinsekten, Heuschrecken, Käfer, aber auch seltene Pflanzen. Viele dieser Arten sind heute landesweit gefährdet.

Welche Ökosystemleistungen erbringen temporäre Gewässer?
Periodisch austrocknende Tümpel und Teiche sollten nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Ökosystemleistungen betrachtet werden. Das vorrangige Ziel besteht nach wie vor darin, die Biodiversität und vor allem spezialisierte, oft seltene und geschützte Arten zu erhalten. Dazu muss das Netz an Gewässern verdichtet und die Wanderung dieser Arten über das gesamte Gebiet erleichtert werden.

Und die Landwirtinnen und Landwirte? Wie profitieren sie?
Im Fokus steht bei uns die Aufwertung von unproduktivem, durchnässtem und schwer zu bearbeitendem Boden am Rand der Kulturen. Der Kanton übernimmt die Kosten für die Anlage der temporären Gewässer. Für den Unterhalt werden die Landwirtinnen und Landwirte je nach Grösse mit 350 oder 600 Franken pro Jahr und Objekt entschädigt. Zudem können sie das Gewässer als ökologische Struktur für Direktzahlungen anmelden, ohne dass ihnen ein Flächenabzug auferlegt wird. Eine typische Win-win-Situation also! Die Vereinbarungen sehen eine Mindestdauer von acht Jahren vor und orientieren sich damit an den bestehenden Verträgen zu Umweltleistungen mit dem Kanton. Nach dieser Zeit steht es den Landwirtinnen und Landwirten frei, das Gewässer weiter zu unterhalten oder den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Wir streben keine starre, sondern eine dynamische Erhaltung an, die auf eine grosse Anzahl an temporären Gewässern in der gesamten Landschaft setzt. Wir haben viel Aufklärungsarbeit geleistet, um die Naturschutzkreise davon zu überzeugen, dieses Prinzip zu akzeptieren. Diese Flexibilität ist ein zentrales Element für die Akzeptanz dieses Konzepts!

Wo auf den Betrieben werden die Teiche angelegt?
Die Wahl des Standorts basiert auf dem Erfahrungswissen der Landwirte und Landwirtinnen, die ihre Parzellen gut kennen, sowie auf einer genauen Analyse der Topografie und der Bodenbeschaffenheit. Temporäre Teiche können in jede Art von landwirtschaftlicher Fläche integriert werden - von Mais- oder Sonnenblumenfeldern bis hin zu Biodiversitätsförderflächen. Möglich ist die Schaffung eines oder mehrerer Teiche. Manchmal werden am Rand auch Steinhaufen aufgeschichtet, die Amphibien als Unterschlupf dienen.

Kleines Stillgewässer im Landwirtschaftsgebiet
Kleines Stillgewässer im LandwirtschaftsgebietBild: Vincent Jaggi
Kleines Stillgewässer im Landwirtschaftsgebiet
Kleines Stillgewässer im LandwirtschaftsgebietBild: Vincent Jaggi

Wie werden die Gewässer gepflegt?
Die Landwirtinnen und Landwirte werden gebeten, die Anlage mindestens einmal jährlich, wenn das Gewässer vollständig ausgetrocknet ist, ganz oder teilweise zu mähen und das Schnittgut abzutransportieren, um den Pioniercharakter der Umgebung zu bewahren. Die Gewässer fallen sanft ab und sind eher viereckig angelegt, um das Mähen mit einem Traktor zu erleichtern. Damit wird den betrieblichen Bedürfnissen der Landwirtinnen und Landwirte Rechnung getragen, sowohl in Bezug auf den zeitlichen Aufwand als auch die mechanische Ausrüstung.

Welche Bilanz ziehen Sie heute?
Nach sechs Jahren und mehr als sechzig angelegten Gewässern ist die Bilanz äusserst positiv. Die Fortpflanzungserfolge bei den Kreuzkröten sind spektakulär: Ihr Vorkommen auf dem Genfer Territorium ist unterdessen gesichert. Andere bedrohte Arten - darunter mehrere, die typisch sind für landwirtschaftliche Gebiete - haben diese neuen Lebensräume ebenfalls besiedelt. Und auch die Landwirtinnen und Landwirte zeigen sich sehr zufrieden mit dieser pragmatischen Massnahme, dank der sie finanziell von unproduktiven Flächen profitieren und zugleich mithelfen können, sichtbare Verbesserungen für die Biodiversität zu erzielen.

Und wie sehen die langfristigen Perspektiven aus?
Das Entwicklungspotenzial ist in Genf nach wie vor gross. Vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda werden immer wieder neue Standorte identifiziert. Längerfristig sind wir zuversichtlich, ein ausreichend dichtes Netz von temporären Gewässern aufbauen zu können, damit auch die Gelbbauchunke wieder Flächen besiedeln kann. Geplant ist zudem ein Projekt zur Wiederansiedlung des Laubfroschs, der seit mehreren Jahrzehnten aus dem Kanton verschwunden ist. Das ist sehr spannend!

Welche Wirkung hatte der Ansatz über den Kanton Genf hinaus?
Der Erfolg in Genf hat auch andere Kantone wie etwa die Waadt und Freiburg inspiriert, was bestätigt, dass unser Ansatz übertragbar ist. Er macht deutlich, dass es mit Dialog, Flexibilität und einem guten Verständnis der landwirtschaftlichen Gegebenheiten möglich ist, Landwirtschaft und Biodiversität in Einklang zubringen.


Im Rahmen der Subventionen zur Förderung der Biodiversität in der Landwirtschaft – insbesondere des Programms «Beitrag für regionale Biodiversität und Landschaftsqualität » (als Ersatz der Vernetzungs- und Landschaftsqualitätsbeiträge), das 2028 in Kraft treten wird – können aus einem Bundesmassnahmenkatalog bestimmte Massnahmen ausgewählt werden. Dazu gehören die Schaffung und Erhaltung von Feuchtgebieten sowie von kleinen Stillgewässern. Solche Strukturen sind insbesondere vor dem Hintergrund der globalen Erwärmung unerlässlich, um die funktionale Vielfalt und die Vernetzung von Agrarökosystemen bewahren und fördern zu können.

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