Quell-Lebensräume im Jura: Inventar, Schutz und Revitalisierung
Seit 2016 arbeiten Fachpersonen und Freiwillige daran, das Wissen über Quellen im Kanton Jura zu erweitern und diese Lebensräume zu erfassen. Das Inventar führte zu einer Priorisierung der Schutzmassnahmen, zur Planung und Umsetzung von Revitalisierungen sowie zur Erfolgskontrolle.
VON PASCAL STUCKI UND LAURE CHAIGNAT
Quellen sind Lebensräume zwischen Grundwasser, Bachoberlauf und Landlebensräumen, die eine spezialisierte und besonders artenreiche Lebensgemeinschaft beherbergen und für die Bevölkerung von grosser symbolischer Bedeutung sind. Allerdings ist die Anzahl dieser Lebensräume seit über einem Jahrhundert massiv geschrumpft, vor allem im Schweizer Mittelland, wo zahlreiche Fliessquellen gefasst und Landwirtschaftsflächen entwässert wurden.
Mittlerweile haben die Ausdehnung des Siedlungsgebietes, Freizeitaktivitäten oder auch die Modernisierung von landwirtschaftlichen Betrieben in den Berggebieten den Nutzungsdruck auf die Quellen im ganzen Land weiter erhöht. Heute sind über 90 % der ursprünglichen Quellen des Mittellandes verschwunden. Sämtliche Quell-Lebensräume der Schweiz werden in der nationalen Roten Liste der gefährdeten Lebensräume als «Vom Verschwinden bedroht» aufgeführt.
Monitoring eines Hotspots der Biodiversität
In den Untersuchungen zur Bewertung des biologischen Zustands von Fliessgewässern werden die Quell-Lebensräume nicht erfasst, weshalb kaum etwas über ihre aquatische Fauna bekannt ist. Eine vom BAFU entwickelte Methode zur Bewertung der Struktur und Fauna von Quellen, die erst kürzlich eingeführt wurde, hat es nun möglich gemacht, diese Lücken schrittweise zu schliessen und neue Erkenntnisse zu sammeln. So konnte eine erste Checkliste mit über 300 Arten erstellt werden, von denen 43 vollständig von Quell-Lebensräumen abhängig sind. Ein grosser Teil dieser Quellarten gilt als gefährdet und ist in der Liste der national prioritären Arten
enthalten.
Die mit der BAFU-Methode erfassten Quellen im Kanton Jura - es sind mehrere hundert Objekte - wurden zunächst gemäss ihrer Bedeutung für den Naturschutz auf nationaler, regionaler oder lokaler Ebene klassifiziert und priorisiert (Abb. 1). Fünfzehn Objekte, darunter sieben von nationaler Bedeutung, wurden im Rahmen der Ortsplanung mit Kern- und Pufferzone ausgeschieden und unter Schutz gestellt.
Quell-Lebensräume revitalisieren
Viele der Quellen, die durch Wasserfassungen und Entwässerungen beeinträchtigt sind, weisen ein grosses Potenzial zur ökologischen Aufwertung auf. Deshalb hat man 70 der erfassten Quellen im Jura in ein Revitalisierungsprogramm aufgenommen. Für 30 Objekte sind kleinere Massnahmen wie Auszäunen und für 40 Objekte umfangreichere Arbeiten wie den Rückbau der Wasserfassung vorgesehen.
Die Karstquellen im Jura zeichnen sich durch stabile Temperatur, eine hohe Ionenkonzentration und eine geringe Nahrungsverfügbarkeit aus. In der Regel genügt eine Fläche von wenigen Dutzend Quadratmetern, um die Bedingungen für das Überleben der Lebensgemeinschaften dieser Quellen zu sichern. Die grösste Herausforderung bei der Revitalisierung besteht darin, diesen Lebensraum zu optimieren. Die gezielte Gestaltung des Untergrunds und das Anlegen kleinräumiger Strukturen nach dem Vorbild ähnlicher natürlicher Quellen erhöht die Erfolgschancen deutlich.
Um die Ziele festzulegen und die Zielarten auszuwählen, ist das Fachwissen von Spezialistinnen und Spezialisten für Quellfauna erforderlich. Die Projekte werden deshalb von der Beratungsstelle Quell-Lebensräume begleitet, die auch die Vermittlung erfahrener Fachpersonen anbietet.
Dokumentieren und optimieren
Die Erfahrungen mit Revitalisierung von Quellen sind noch sehr begrenzt. Eine breit zugängliche Dokumentation der Projekte soll nun dazu beitragen, die Massnahmen schrittweise zu optimieren. Ein von der Beratungsstelle bereitgestellter Praxisleitfaden, der laufend aktualisiert wird, umfasst Umsetzungsbeispiele in einem einheitlichen Format, einschliesslich der Vorher-Nachher-Untersuchungen zur Fauna und Struktur, die in der Datenbank «MIDAT-Sources» bei info fauna gespeichert werden. Die beiden hier vorgestellten Beispiele aus dem Jura sind ebenfalls in diesem Katalog enthalten.
Pascal Stucki ist Leiter des Büros Aquabug, das sich auf die Erforschung und den Schutz der Fauna in Gewässern spezialisiert hat.
Laure Chaignat ist Mitarbeiterin des Regionalen Naturparks Doubs und Leiterin des Naturzentrums Les Cerlatez in Saignelégier.
Kontakt:
Weitere Informationen: quell-lebensräume.ch
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Ohne Monitoring tappen wir beim Gewässerschutz im Dunkeln
- Beobachten, verstehen, handeln: NAWA als Kompass für den Gewässerschutz
- Flüsse und Bäche revitalisieren - und daraus lernen!
- Fische als Bioindikatoren zeigen Zustand unserer Gewässer
- Gewässerdaten zeigen Defizite - Lösungen entstehen im Dialog
- Biodiversität im Grundwasser: Wertvoll, aber noch zu wenig beachtet
- Der Hallwilersee: ein Landschaftsjuwel als Langzeitpatient
- Die Grafik zur Biodiversität





